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Vortrag Mertes
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P. Klaus Mertes SJ
P. Mertes zu Gast bei donum vitae, und M. Basler, stellv. Vorsitzende von donum vitae Hochrhein


Margarete Basler und P Klaus Mertes

Vortrag von P. Klaus Mertes zum 15jährigen Jubiläum von donum vitae Region Hochrhein

 

LIEBE DEINEN NÄCHSTEN WIE DICH SELBST

P. Klaus Mertes SJ,
26. März 2015

Die kürzeste Version der Goldenen Regel lautet: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Ich habe lange Zeit gebraucht, um zu begreifen, dass es sich hierbei tatsächlich um eine Kurzversion der Goldenen Regel handelt. Die mir bekanntere Version der Goldenen Regel klang mir schon immer aus den Tiefen meiner Kindheit entgegen. Sie war für mich als kleinen Jungen besonders einprägsam, weil sie in der deutschen Version mit einem sprachlichen Rhythmus daher kommt und sich auch noch reimt: „Was du nicht willst dass man dir tu, das füge auch keinem anderen zu.“ Diese Formulierung wird Konfuzius zugeschrieben – ein wichtiger Hinweis dafür, dass sich die Regel keineswegs nur in der biblischen oder europäischen Tradition findet. Sie scheint kulturübergreifend zu sein, ein formales Prinzip der Menschheitsethik, Kant würde sagen: Ein Prinzip der „praktischen Vernunft“. In der Bergpredigt Jesu wird die Goldene Regel positiv umformuliert: „Alles, was du von anderen erwartest, dass sie dir tun, das tu auch ihnen“ (Mt 7,12). Die negative Formulierung von Konfuzius („Was du nicht willst …) scheint mir für den Alltagsgebrauch zunächst hilfreicher zu sein. Die Entwicklung eines ethischen Urteils beginnt nach meiner Erfahrung zunächst eher mit dem Nein-Sagen als mit dem Ja-Sagen. Um es an einem Beispiel deutlich zu machen: „Stell dir vor, dein Nachbar würde dir deinen Geldbeutel klauen. Das würdest du nicht wollen. Also klaue auch du anderen den Gelbeutel nicht.“ Das Verbot der Sklavenhaltung wird in der Bibel ebenfalls nach demselben Schema begründet: „Versklave den Fremden nicht. Erinnere dich daran, dass Du selbst einmal Slave warst – im Sklavenhaus Ägypten“ (vgl. Lev 19,34). Man könnte auch sagen: Die Goldene Regel ist die Empathie-Regel. Empathie wird am stärksten herausgefordert durch das Leiden des Anderen. Ohne diese Empathie kein ethisches Urteilsvermögen.

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Was zunächst einmal an der Nächstenliebe-Formel besticht, ist die Behauptung, dass die Selbstliebe der Ausgangs- und Orientierungspunkt der Nächstenliebe sei: „… wie dich selbst“. Ganz „unverblümt“ redet auch die philosophische und theologische Tradition des Abendlandes so. „Die höchste Gestalt der Freundschaft gleicht der Liebe, die man für sich selbst hegt“, schreibt Aristoteles in der Nikomachischen Ethik. Nicht umgekehrt. Thomas von Aquin nimmt diesen Gedanken auf: „Der Freund wird geliebt als derjenige, für den man etwas begehrt; und auf eben diese Weise liebt auch der Mensch sich selbst.“ Auch hier ist die Selbstliebe das Urbild und die Nächstenliebe das Abbild: Die Nächstenliebe nämlich „geht hervor aus der Ähnlichkeit mit der Liebe, die man für sich selbst hegt.“ Thomas steigert das noch, indem er an anderer Stelle sagt: „Für sich selbst hegt man zwar nicht Freundschaft, aber etwas Größeres als Freundschaft. Hierin besteht nämlich die Freundschaft, die wir für andere hegen, dass wir uns zu ihnen so verhalten wie zu uns selbst.“ Man könnte diese Sätze im Sinne des ethischen Egoismus missverstehen. Die These des ethischen Egoismus besagt, dass Liebe letztlich auf Eigeninteressen beruht. Aber das ist mit der Goldenen Regel nicht gemeint. Den „Nächsten zu lieben wie sich selbst“ bedeutet nicht – wie etwa Thomas Hobbes meinte – den Nächsten deswegen zu lieben, weil mir das nützt. Die Wolfsnatur des Menschen – homo homini lupus – könne, so Hobbes, nur überwunden werden durch die Erkenntnis der einzelnen Wölfe, dass es in ihrem eigenen Überlebensinteresse ist, wenn sie im Überlebenskampf aller gegen alle darauf verzichten zu töten und die Tötungslizenz auf einen Staat übertragen. Doch dieses Eigeninteresse ist mit der „Selbstliebe“ in der Goldenen Regel nicht gemeint. Thomas von Aquin sagt zwar: „Jeder liebt sich selbst mehr als den anderen“, aber er meint das nicht kritisch, sondern einfach feststellend und zugleich bejahend: Ja, es ist so, und es ist gut, dass es so ist. Der Grund dafür liegt im Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf: Am Anfang steht, dass ich von Gott erschaffen wurde, um zu sein, und zwar deswegen, weil es gut ist, dass ich bin. Die Selbstliebe ist meine mir geschenkte Zustimmung zum Schöpfungsakt Gottes. Gott erschafft mich wegen mir. Dies ist das Maß der Liebe zu den anderen: Augustinus: „Wenn du dich selber nicht zu lieben weißt, kannst du auch den Nächsten in Wahrheit nicht lieben.“

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Das Wort von der Nächstenliebe ist so sehr in den gewohnten allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen, dass die Problematik des Begriffs „der Nächste“ oder „die Nächste“ leicht übersehen wird. Es ist nämlich eine offene Frage, wer denn eigentlich „der Nächste“ ist. Bekanntlich stellen die Schriftgelehrten in einer kritischen Situation Jesus genau diese Frage: „Wer ist denn mein Nächster?“ (Lk 10,29) Im Alten Testament lesen wir folgende Formulierung: „An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Lev 19,18) Das könnte man auch so lesen, dass man sich zwar an den Kindern des eigenen Volkes nicht rächen darf, wohl aber an den Kindern eines anderen Volkes. Bis heute gibt es Leute, die solche Unterscheidungen machen. Ein Blick in den Nahen und Mittleren Osten genügt, um besonders krasse Beispiele dafür zu finden. Oft korrespondiert dann einem starken Zusammengehörigkeitsgefühl nach innen eine aggressive Haltung nach außen, nach dem Motto: Absolute Loyalität nach innen, Gewalt nach außen: „Wehe dem, der einem der Meinen etwas antut.“ Ethnische und konfessionalistische Konflikte verlaufen genau nach diesem Schema. Im Heiligen Land macht zurzeit der Begriff der „Dehumanisierung“ die Runde. Dem jeweils anderen wird das Menschsein abgesprochen. Dann kann man auch in jüdische Gebetshäuser und muslimische Moscheen einbrechen und die jeweils anderen vernichten. Er oder sie ist ja jeweils nicht mein „Nächster.“ Drastisch ausgedrückt: „Einen Mann erschlage ich für eine Wunde, einen Knaben für eine Strieme. Wird Kain siebenfach gerächt, dann Lamech siebenundsiebzigfach.“ (Gen 4,24) Wie weit fassen wir den Begriff des „Nächsten“? Beschränken wir ihn auf die eigenen Leute, den eigenen Clan, die eigene Nation, oder auch: Auf die Kinder im Mutterleib erst ab dem dritten Monat der Schwangerschaft? Darüber gleich mehr. In der biblischen Tradition jedenfalls wird der Begriff des „Nächsten“ entgrenzt. Schon im Buch Levitikus heißt es: „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst.“ (Lev 19,33) Der Nächste ist hier der Fremde, also diejenige Person, die gerade nicht zu den „Kindern meines Volkes“ gehört. Die Pointe in der berühmten Parabel vom barmherzigen Samariter im Evangelium geht in eine ähnliche Richtung: Es ist gerade der Fremde, der Samariter, der das Gebot der Nächstenliebe richtig praktiziert, indem er sich um den erschlagenen Mann am Wegesrande kümmert. Er prüft auch nicht, ob der Arme am Wegesrand ein Samariter oder ein Jude ist. Er sieht ihn, lässt sich von dem Gesehenen ergreifen, und handelt. Nach der Goldenen Regel in der Fassung von Matthäus: „Was du von anderen erwartest, dass sie dir tun, das tu auch ihnen.“ Also: „Wenn ich erschlagen am Wegesrande liegen würde, würde ich erwarten, dass ein Passant, der mich sieht, anhält und mir hilft. Also helfe ich dem Menschen, der am Wegesrande liegt.“ Darin liegt im Vergleich zur Formel des Konfuzius ein stärker aktives Element. Jesus formuliert dass am Ende der Parabel so: „Der Samariter macht sich zum Nächsten desjenigen, der am Boden liegt.“ Auch der „Feind“ ist der „Nächste“ – das ist jedenfalls die Pointe des Feindesliebe-Gebotes in der Bergpredigt. Auch derjenige Mensch, der mir Böses antun will oder antut, hat Anspruch auf die Anwendung der Goldenen Regel. Er ist nicht aus der Menschheit ausgeschlossen, sondern hat Anspruch darauf, dass ich ihn so behandle, wie ich behandelt werden wollen würde, wenn ich einem Menschen zum Feind geworden bin – ihm Schaden zugefügt, in verletzt und in seinen Rechten beschnitten habe. Im Übrigen lässt sich gerade am Beispiel der „Feindesliebe“ deutlich machen, was mit „lieben“ im Nächstenliebe-Gebot gemeint ist, oder besser: Was mit „lieben“ nicht gemeint ist, nämlich: „nett finden“, oder „persönlich mögen“. Erst in der Neuzeit ist der Begriff der Liebe vor allem mit Gefühlen verbunden. Es geht aber bei der Nächstenliebe, wie gerade das Beispiel der Feindesliebe zeigt, nicht darum, einer Person gegenüber liebevolle Gefühle zu haben. Es geht um Handlungen und Unterlassungen. Der Samariter tut etwas mit dem Menschen am Wegesrande. Im Falle der Feindesliebe unterlässt der Geschädigte die Rache. Er überlässt sie Gott. Er hat einen Anspruch auf Schadensersatz, aber er holt sich ihn nicht mit Gewalt.

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Von einer anderen Seite her wird die Universalität des Nächsten-Begriffes seit einiger Zeit in Zweifel gezogen: Alle Menschen als „Nächste“ zu bezeichnen sei eine besondere Art von Rassismus, nämlich „Speziesismus“; denn warum sollte man als „nächster“ Mensch mehr Rechte beanspruchen können als andere Lebewesen, die zu einer anderen Spezies gehören? Die Frage zielt letztlich darauf, ob es einen moralisch relevanten Unterschied zwischen Menschen und Tieren gibt. Der australische Bio-Ethiker Peter Singer unterscheidet zwischen zwei Begriffen von „Mensch“, dem biologischen und dem moralischen Begriff. Im biologischen Sinn des Wortes ist ein Mensch „Mensch“ durch seine Zugehörigkeit zur Spezies homo sapiens. Das gilt für den menschlichen Embryo genauso wie für den ausgewachsenen Menschen. Anders verhält es sich bei dem moralischen Begriff von „Mensch“. In diesem Sinne ist man erst „Mensch“, wenn man ein rationales, selbstbewusstes Wesen ist, also „Person“. Personen sind nach Singer Lebewesen mit Bewusstsein und Selbstbewusstsein, mit der Fähigkeit, Schmerz- und Lustgefühle zu empfinden. Daraus ergibt sich, dass es Menschen gibt, die keine Personen sind, aber auch, dass es Personen gibt, die keine Menschen sind. „Diese einfache Erkenntnis verändert die Abtreibungsdiskussion“, folgert Singer. Ich nehme das hier als Beispiel, nicht um in die Abtreibungsdebatte einzusteigen, sondern um am Beispiel der Abtreibungsdebatte ein aktuelles Problem bei der Anwendung des Nächstenliebe-Gebotes darzustellen. Singer schreibt: „Wir können den Fötus nun als das betrachten, was er ist … und können sein Leben nach demselben Maßstab bewerten wie das Leben von Wesen, die ähnliche Eigenschaften haben, aber nicht zu unserer Spezies gehören … Weit entfernt davon, sich für jedes Leben einzusetzen … zeigen diejenigen, die gegen Abtreibung protestieren, jedoch regelmäßig das Fleisch von Hühnern, Schweinen und Kälbern verspeisen, nur ein vordergründiges Interesse am Leben von Wesen, die zu unserer Spezies gehören. Denn bei jedem fairen Vergleich moralisch relevanter Eigenschaften wie Rationalität, Selbstbewusstsein, Bewusstsein, Autonomie, Lust- und Schmerzempfindungen und so weiter haben das Kalb, das Schwein und das viel verspottete Huhn einen guten Vorsprung vor dem Fötus in jedem Stadium der Schwangerschaft – und wenn wir einen weniger als drei Monate alten Fötus nehmen, so würde sogar ein Fisch, ja eine Garnele mehr Anzeichen von Bewusstsein zeigen. Ich schlage daher vor, dem Leben eines Fötus keinen größeren Wert zuzubilligen als dem Leben eines nicht menschlichen Lebewesens auf einer ähnliche Stufe der Rationalität, des Selbstbewusstseins, der Wahrnehmungsfähigkeit, der Sensibilität etc. Da kein Fötus eine Person ist, hat kein Fötus Anspruch auf Leben wie eine Person.“ Immer, wenn ich diesen Text meinen Schülerinnen und Schülern im Ethik-Unterricht vorlege, packt mich ein Schrecken vor der Konsequenz dieses Denkens. Der Mensch ist nicht von ASnfang an der „Nächste“, sondern erst, wenn er bestimmte grundlegende Eigenschaften wie Lust- und Schmerzempfindung hat. Singer würde mein Erschrecken vermutlich als einen Restbestand der überwundenen religiösen Auffassung von der „Heiligkeit des menschlichen Lebens“ bezeichnen. Er zielt damit jedenfalls in die Mitte der Vorstellung, dass alle Menschen „Nächste“ sind. An dieser Stelle scheiden sich die Geister. Singer spielt mit dem Personen-Begriff. Dieser spielt eine bedeutende Rolle in der christlichen Tradition spielt hin zu „Sakralisierung der Person“ in der neuzeitlichen Idee der universellen Menschenwürde. Der Katechismus der katholischen Kirche formuliert: „Da der Embryo schon von der Empfängnis an wie eine Person behandelt werden muss, ist er wie jedes andere menschliche Wesen im Rahmen des Möglichen unversehrt zu erhalten, zu pflegen und zu heilen.“ (Nr. 2274) Hier wird der Personen-Begriff offensichtlich anders gebraucht als bei Singer. Der Personenstatus ergibt sich nicht aus der Zuschreibung von Bewusstsein und Selbstbewusstsein. Vielmehr ergibt sich der Personenstatus aus dem Menschsein. Menschsein und Personenstatus lassen sich nicht trennen. Und damit sind Würde und Rechte vorgegeben. Auch die Philosophie der Aufklärung nutzt den Personenbegriff in diesem universalen Sinne: Jeder Mensch ist der „Nächste“. Kant formuliert es unübertroffen in seiner dritten Fassung des kategorischen Imperativs: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als auch in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als mittels brauchst.“ Und in einer anderen Formulierung, die grundlegend ist für den Begriff der Menschenwürde, die eben an die Status des Personseins gebunden ist: „Die Menschheit ist eine Würde; denn der Mensch kann von keinem Menschen (weder von anderen noch sogar von sich selbst) bloß als Mittel, sondern muss jederzeit als Zweck gebraucht werden, und darin besteht eben seine Würde (die Persönlichkeit), dadurch er sich selbst über alle anderen Weltwesen, die nicht Menschen sind und doch gebraucht werden können, mithin über alle Sachen erhebt.“

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„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Die Frage „wer ist mein Nächster“ hat mich zur Frage nach dem moralischen Status der menschlichen Person geführt. Singer spricht von der – seiner Meinung nach – überholten Vorstellung der „Heiligkeit der menschlichen Person“. Man könnte im Umkehrschluss sagen: Ganz genau. Nur wenn man die menschliche Person als „heilig“ betrachtet, lässt sich vermeiden, dass der Begriff des „Nächsten“ wieder eingeschränkt wird. Mit dem Begriff des „Heiligen“ geraten wir aber in die Sphäre des Religiösen. Ist das Fundament der Goldenen Regel also notwendig religiös? Es gibt meiner Meinung nach eine falsche Selbstgewissheit von religiösen Menschen, mit der man diese Frage bejaht. Christen und Nicht-Christen können die gemeinsame Überzeugung teilen, dass die Würde der menschlichen Person ohne Einschränkung unantastbar ist. Ich möchte allerdings bei einer Veranstaltung von „Donum Vitae“ darauf hinweisen, dass es eine sehr hilfreiche Sicht auf das menschliche Leben und die menschliche Person ist, wenn man das Leben als Geschenk aus der Hand des Schöpfers, als Gabe ansieht, und nicht als bloße Tatsache. Mit einer Gabe ist Kommunikation zwischen Geber und Empfänger verbunden. Wenn die menschliche Person eine Gabe ist – und davon geht ja der christliche Schöpfungsbegriff aus –, dann ist die erste Eigenschaft, die der menschlichen Person zugeschrieben werden kann, nicht die des Bewusstseins oder des Selbstbewusstseins, sondern die des Gegebenseins, des Bejahtseins und Geliebtseins – eben jenes fundamentale Ja, das die Selbstliebe als Basis der Nächstenliebe begründet. Eine Gabe oder ein Geschenk ist nicht einfach etwas, was ich in die Tasche stecke oder auf dem Speicher abstelle. Für das Verhältnis von Gabe und Geber ist es von Belang, was der Empfänger der Gabe mit der Gabe tut, und ob ihm der Gabe-Charakter des Geschenkes überhaupt etwas bedeutet. Vor einigen Monaten bekam ich von einem kleinen Kind ein selbstgemaltes Bild geschenkt; kürzlich besuchte mich die Familie, und das Kind fragte mich zutraulich, was ich mit dem Bild gemacht hätte; ich schämte mich, denn ich hatte das Bild verlegt und wusste nicht mehr wohin. In der Gabe begegne ich immer auch dem Geber, und wie ich mit der Gabe umgehe, sagt auch etwas für mein Verhältnis zur gebenden Person. Wenn das Leben als Gabe gesehen wird, ist bestritten, dass es anderen Personen oder Institutionen gibt, die das Leben, die Würde geben oder auch nehmen können. Damit ist die Person in den Bereich des Unverfügbaren gegeben. Man kann dagegen einwenden, dass das eine bloße Behauptung sei. Richtig – Totschlagargumente funktionieren immer. Umgekehrt ist aber auch zu sagen: Wenn das Leben keine Gabe, sondern eine bloße Tatsache ist, dann kann ich auch darüber verfügen. Dann kann ich auch entscheiden, wer der Nächste ist und wer nicht. Das aber möchte ich nicht.